Das Leben rennt…

Ihr.

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, dass euer Leben an euch vorbei rennt?
Ein Tag verfliegt, eine Woche verpufft und ein ganzes Jahr verschwindet. Einfach so… und ihr konntet es gar nicht greifen.

An jedem Tag prasselt so viel auf euch ein, dass ihr es gar nicht verarbeiten könnt? Es bleibt so wenig Zeit, um mal inne zu halten und zu spüren, dankbar zu sein.

Ich.

Es prasselt so viel auf mich ein, dass ich wie gelähmt und erstarrt auf mich herab sehe und staune. Staune drüber, dass ich taub und regungslos bin und sich die letzten 10 Jahre wie ganze 5 Minuten anfühlen. Irgendwie fühle ich mich dann so fremdbestimmt, als wäre ich nicht der Herr über mein Leben.
Dann bin ich taub, regungslos und emotionslos und gleichzeitig so voller Emotionen.

Habe ich wirklich etwas Sinnvolles getan? Habe ich meinen Liebsten gezeigt, dass ich sie mag?

Was ist, wenn das Leben an uns vorbei rennt?

Der Besuch einer Hochzeit hat mich diese Emotionalität und diese Erstarrung spüren lassen. Ein ganzer Tag voller Liebe und gleichzeitig ein Tag voller Überforderung! Das Zusammentreffen so vieler bekannter Gesichter ließ Erinnerungen an eine gemeinsam verbrachte Zeit erwachen. Viele Jahre bewegten wir uns miteinander und füreinander und nun, nach so vielen Jahren, sind wir einfach anders. Und trotzdem war es eine so tolle Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Aber es macht mir auch ein wenig Angst, weil wir viel gemeinsam hatten. Aber ist es heute immer noch so? Viele Gespräche werden geführt, Lebensdaten ausgetauscht, Neuigkeiten aufgefrischt und wir werden zurück katapultiert. Gefühle kommen hoch, Gefühle werden abgespeichert, Gefühle werden belebt. Doch werden sie auch ausgesprochen?
Dieser eine Tag überfordert mich emotional. Meine Vergänglichkeit wird mir bewusst und ich kann nur schwer damit umgehen. Ich möchte so viel Dankbarkeit und Liebe zeigen, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich bin viel zu sehr mit der Verarbeitung der Emotion beschäftigt, sodass ich sie nicht ausdrücken kann. Dabei wäre es doch so schön, einfach mal DANKE zu sagen. Und den Moment so zu genießen, wie er ist. Das Leben nicht einfach so vorbei ziehen zu lassen und das Leben, mein Leben, zu genießen.

Vor allem meine Hochsensibilität macht mir dabei manchmal einen Strich durch die Rechnung. Denn durch diese gedankliche und emotionale Reizüberflutung bin ich so erstarrt, dass ich es nicht zeigen kann.  Dass ich SIE nicht zeigen kann.
Dankbarkeit und Liebe

Julia Engelmann schrieb dazu in diesem Auszug aus ihrem Gedicht: One Day (2013)
(…)
„Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein,
oh Baby, werden wir alt sein,
Und an all die Geschichten denken,
die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten,
die wir dann stattdessen erzählen,
werden traurige Konjunktive sein wie –

„Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen
und hätte fast die Buddenbrooks gelesen,
und einmal wär‘ ich beinah
„bis die Wolken wieder Lila“ waren noch wach gewesen,
fast hätten wir uns mal demaskiert
und gesehen, wir sind die Gleichen,
und dann hätten wir uns fast gesagt,
wie viel wir uns bedeuten“

werden wir erzählen.
Und dass wir bloß faul und feige waren,
das werden wir verschweigen
und uns heimlich wünschen
noch ein bisschen hierzubleiben,
Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp
– und das wird sowieso passieren –
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren.
Denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.
Also los! Schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.“
 

In diesem Sinne:

Ich möchte mein Leben nicht mit Konjunktiven verbringen.

Und wenn das Leben manchmal rennt und ich überfordert bin, dann sollte doch genug Zeit sein, um einfach mal DANKE zu sagen. Und wenn wir in dem einen Moment vielleicht emotional überfordert sind, dann können wir es zu einem späteren Zeitpunkt immer noch nachholen. Denn dafür ist es nämlich nie zu spät!

2 Antworten
  1. Cibo
    Cibo says:

    Schöner Blog. Das Gedicht von Julia Engelmann beschreibt meine Situation. Bin 52 Jahre und habe bisher nur überlebt aber nicht gelebt. Mein Leben war einfach nur noch Routine. Jetzt ist damit aber Schluss. Werde in den nächsten Wochen hier alles abbrechen und mit Rucksack und Zelt durch Europa reisen. Keine Ahnung was mich erwartet aber es wird bestimmt kein langweiliges und vorhersehbares Leben werden. Das wird das Abenteuer meines Lebens und ja…ich habe Angst…Angst vor dem Unbekannten. Noch mehr Angst habe ich jedoch davor meinen Traum niemals zu wahr werden zu lassen und nur noch zu arbeiten und zu funktionieren. Ich werde mit wenig Geld auskommen und auf vieles verzichten müssen aber dafür werde ich sehr viel Zeit mit mir verbringen dürfen. Es werden schlechte Tage kommen…Tage, die mich an meinem Vorhaben zweifeln lassen werden. Doch dann werde ich mich an das Gedicht erinnern und mit einem Lächeln weiterziehen.
    Ich wünsche dir viel Freude in deinem Leben.

    Antworten
    • sensibelreisen
      sensibelreisen says:

      Wow, schöne Worte und eine sehr mutige Entscheidung. Es ist nie zu spät, um sein Leben zu überdenken und zu leben 🙂
      Wie ist deine Reise bisher gewesen? Was hast du erlebt und wie geht es für dich weiter?

      Ich wünsche dir auch sehr viel Freude in deinem Leben

      Antworten

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